IPHIGENIE

von Kostas Papakostopoulos
nach Euripides’ “Iphigenie in Aulis”

Das Stück “Iphigenie” von Kostas Papakostopoulos ist das zweite Werk einer vom Regisseur konzipierten Trilogie mit dem Titel “Geliebte Hybris” zur Krise der Demokratie in Europa. Der Zyklus begann 2015 mit “Antigone” und wurde in der Spielzeit 2016/17 mit “Iphigenie” fortgesetzt. In diesem Stück widmet sich das DGT einem weiteren Aspekt der europäischen Krise: dem Umgang mit dem Flüchtling.

 

Griechenland, als eine Union der freien Völker, deutet hier das Europa der Gegenwart an. Das Projekt Troja steht sinnbildlich für dessen oberstes Ziel: die Eroberung der globalen Märkte. Die Ankunft der Flüchtlinge gefährdet im neuen Stück die Einigkeit der Union. Sogar ihre Zukunft gerät in Gefahr, schnelle Lösungen sind gefragt. Die Zeit vergeht, das Bündnis der Feldherren wird brüchiger, die Wut der Völker wächst. Ein Opfer muss her, und es ist Iphigenie, die die Lösung bringen kann. Iphigenie, die als Flüchtling in Aulis ankommt, hofft auf Schutz in der Union der Demokratie und der Freiheit. Agamemnon, der oberste Feldherr des Bündnisses – dargestellt wird seine Rolle von einer Frau –, steht vor einem existenziellen Dilemma. Die Opferung Iphigenies – nämlich das Schließen der Grenzen der Union – würde für ihn zugleich die Opferung der ureigenen humanistischen Werte fordern, die er selbst, als Wächter der Ideale des Bündnisses, vertritt und propagiert.

Doch ist es der einzige Weg, dem Druck der internen Rivalen standzuhalten. Oder aber er selbst wird der Wut der Bürger als Nächstes zum Opfer fallen. Angetrieben von den freien Völkern und den Intrigen seiner Anführer muss Agamemnon eine Entscheidung treffen: zwischen Gewissen, Pflicht und dem ungezügelten Wunsch nach Machterhalt.

In der ersten Hälfte des Jahres 2016 hat Papakostopoulos gemeinsam mit Flüchtlingen in Köln einen Film gedreht, in dem die Neuankömmlinge von ihrer Flucht und von ihren Hoffnungen und Wünschen in der neuen, fremden Heimat berichten. Anschließend hat der Regisseur dieses Filmmaterial mit eigenen Texten und Fragmenten der Tragödie “Iphigenie in Aulis” von Euripides verbunden und so das neue Stück erschaffen. Es entsteht eine Theaterperformance an der Schnittstelle zwischen Theater, Film und Dokumentation.

In Zeiten eines immer lauteren Streits über Flüchtlinge in Europa widmet sich die neue Inszenierung der Haltung der europäischen Mitgliedsstaaten zu Flüchtlingen und stellt dabei die Frage, ob unsere “Feldherren” die Situation noch im Griff haben.

 

Konzeption & Regie: Kostas Papakostopoulos
Bühnenbild & Kostüme: Ulrike Mitschke
Musikkomposition: Herbert Mitschke
Dramaturgie: Florian Meyer
Licht: Julia Marx

 

Pressestimmen

“Kostas Papakostopoulos zeigt, dass kaum ein antiker Stoff das ethische Dilemma, in dem sich Europa angesichts der Flüchtlingskrise befindet, treffender beschreibt als die “Iphigenie”. (…) Keine hitzigen Dispute, auch der Humor, gewöhnlich eine der Trumpfkarten des Deutsch-Griechischen Theaters, kommt kaum zum Zuge. Diesmal liegt stattdessen die Brillanz der Produktion in der Stückentwicklung, die das Theater als Blackbox nutzt, in der die ethische Krise der Gegenwart hellsichtig verhandelt wird.”
Kölnische Rundschau, 26. Januar 2017

 

“Papakostopoulos stellt den Verfall der menschlichen Werte auf den morschen Brettern von Blut, Macht und Tod genial dar, und legt die sich stets wiederholende Schlacht, die durch menschliche Taten entfacht wird, offen. (…) Der Regisseur hat uns in der Tat beeindruckt und überrascht – Worte können schwer ausdrücken, welche Gefühle die Inszenierung beim Publikum auslöste, als ein Chor dreier realer Flüchtlinge (Ali, Amir, Hamid) erschien, der, auf eine Leinwand projiiziert, in die Aufführung integriert wurde und das Publikum in seine eigene Gedankenwelt entführte: zu einem “Warum?”, das unbeantwortet bleibt.”
Artharbour, 22. November 2017